Über die Künstlerin

Dagmar Diekmann ist eine solche Künstlerin, in deren Atelier noch der Geruch von Farben und Lösungsmitteln die Erfahrung einer selten gewordenen olfaktorischen Sensation ermöglicht und deren Arbeitsraum noch nicht von einem Computer als prägendes Arbeitsmittel beherrscht, sondern von einem farbspritzerübersäten Boden geprägt ist. Dies wird hier nicht erwähnt, um einen weiteren Beitrag zur Diskussion darüber, welche Art Kunst zu machen "besser" oder "moderner" sei, zu leisten. Vielmehr soll der Frage nachgespürt werden, welche Art von Wirklichkeit sich in der Malerei von Diekmann materialisiert und welche Bedeutung ihre Bilder für den Betrachter haben können, der in der Öffentlichkeit und der Intimität seiner Alltagswelt immer intensiver von der Realität beständig flimmernder Bildschirme mit ihren schrillen Farben und Tönen bedrängt wird.

Unter diesem Blickwinkel betrachtet ist Diekmanns Schritt in die Abstraktion sehr konsequent, und sie realisiert ihn zunächst in einer experimentierenden Collage-Technik und mit flächig-konstruktiven Kompositionen. Wenn man die Bilder heute betrachtet, ist noch die Lust am Ausprobieren und Komponieren zu spüren, sie verraten ein ausgeprägtes Formgefühl und einen hochentwickelten Farbsinn, doch wirken sie auch ein wenig zaghaft, vorsichtig tastend, um harmonischen Ausgleich der Kräfte ringend, manchmal "oberflächenbetont" und "vordergründig", vielleicht sogar "verschlossen" und ohne jene räumliche Tiefe, die die Künstlerin in ihren etwas konventionelleren Landschaftsbildern bereits erreicht hatte.

Ende der achziger Jahre hat Diekmann ihren Personalstil voll entwickelt, in dem sie wenige Farben als dominante Ausdrucksträger im Bild bevorzugt und die Komposition auf deren Klarheit und Leuchtkraft aufbaut. Spannungen erzielt sie durch die Akzentuierung mit "Fremdmaterial" und Realitätspartikeln, die die fiesenden und breiigen Eigenschaften der Farbpaste brechen und stören und die Bildoberfläche reliefartig beleben, so daß die Möglichkeiten für Lichtbrechungen vervielfacht werden. Durch die Verwendung von Relikten der Alltagswelt wird aber nicht nur eine strukturelle Verdichtung erreicht, sondern auch eine emotionale Veränderung erzielt: die Bilder werden dadurch "indiviueller", indem sie sich unmittelbar mit der Lebensgeschichte der Künstlerin verbinden und einen bestimmten, räumichen und zeitlich definierbaren, persönlichen "Standpunkt" markieren.

In die Bildflächen werden Alltagspartikel, vom Busfahrschein über die Einkaufstüte oder Telefonbuchseite bis zu Früchten und Blättern der fremden Natur collagiert und konservieren nicht nur eine Erinnerung an das Erleben unbekannter Lebenswelten und die Begegnung mit dem Fremden, sondern erlauben eine spirituelle Verarbeitung und Vergegenwärtigung, indem sich das Relikt als Material zum Element des Bildganzen fügt. Im gleichen Maß, wie das Relikt als Bestandteil des künstlerischen Schaffensprozesses an Relitätsgehalt und Materialität verliert, gewinnt es an ästhetischer Funktionalität und manifester Dauerhaftigkeit. Diese Arbeiten dokumentieren somit eine Periode intensiver Auseinandersetzung mit den Grundbedingungen unseres kulturellen Wertesystems.

Die radikal erfahrene Ambivalenz von Sein und Nicht-Sein, die sich in der gestisch-expressiven Malerei der frühen Jahre ausdrückt, hat sich zu einer stillen Freude am Da-Sein gewandelt, zu einem annehmenden Einssein mit den Bedingungen der menschlichen Existenz in allen ihren positiven und negativen Aspekten. Vor diesem geistigen und lebenspraktischen Hintergrund ereignet sich Diekmanns Malerei, die den Betrachter einlädt, sich zu öffnen und zu spiegeln.

Freising, im Juni 2000 - Brigitte Hammer

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